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Allgemeine Voraussetzungen
Bezug zum Schulgesetz und Lehrplan: Friesisch ist als Sprache der friesischen Volksgruppe neben Deutsch und Dänisch die dritte Sprache im Land Schleswig-Holstein. Im Friesischunterricht erwerben oder erweitern die Schüler und Schülerinnen Kenntnisse in der friesischen Sprache und beschäftigen sich mit der Geschichte und Kultur Nordfrieslands. Der Unterricht bildet dabei einen wichtigen Bestandteil für die Identitätsfindung der Kinder und unterstützt gleichzeitig die Erziehung zur Toleranz gegenüber den anderen Kulturen und Sprachen sowohl in Schleswig-Hosltein wie auch im gesamten Europa. Im Fach Friesisch bietet sich die Auseinandersetzung mit den Kernproblemen Grundwerte, Strukturwandel, Partizipation an. Innerhalb des Friesischunterrichtes ergeben sich automatisch Fragen nach den unterschiedlichen Kulturen und Minderheiten im Land Schleswig-Holstein und dem sich daraus ergebenden Verhältnis zwischen Mehrheit und Minderheit. Für die friesische Volksgruppe sind Aspekte des Strukturwandels von existentieller Bedeutung, was notwendigerweise auch im Friesischunterricht zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der friesischen Sprache und Kultur führen muss. Schließlich werden im Friesischunterricht eine Vielzahl von Darbietungen für Veranstaltungen in der Gemeinde vorbereitet, sodass der Friesischunterricht ein hohes Maß an Beteiligung innerhalb der kulturellen Aktivitäten einer Gemeinde oder eines Dorfes ermöglicht. Einflussfaktoren:
Der Friesischunterricht steht in einem Spannungsfeld von im
Wesentlichen 4 Ebenen, nämlich: In den letzten 15 Jahren ist in Europa eine zunehmende Akzeptanz der sprachlichen Minderheiten zu verzeichnen. Sie werden nicht länger als eine Bedrohung, sondern als eine kulturelle Bereicherung in einem zusammenwachsenden Europa gesehen. Für die Friesische Volksgruppe manifestiert sich diese Entwicklung unter anderem auch in der Charta für Regional- und Minderheitensprachen, die am 1. Januar 1999 in der BRD in Kraft getreten ist, und in dem Artikel 5 der Landesverfassung Schleswig-Holsteins, in dem der Friesischen Volksgruppe Schutz und Förderung garantiert wird. Neben diesen rechtlichen Voraussetzungen lässt sich ein allgemein zunehmendes Interesse und Engagement für die engere Heimat und ihre Kultur, eine Suche nach der eigenen Identität vor dem Hintergrund einer zunehmenden Globalisierung, feststellen. Der Friesischunterricht kann in diesem Zusammenhang eine wichtige katalytische Funktion erfüllen, weil er gerade im Bereich der Grundschule einen affektiven Bezug zur unmittelbaren Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler herstellen kann. Auch im Bereich der Sprachwissenschaft hat sich inzwischen die Erkenntnis durchgesetzt, dass Mehrsprachigkeit keine Nachteile mit sich bringt, sondern im Bereich der Abstraktionsfähigkeit und Begriffsbildung von Vorteil ist. Den hier erwähnten positiven Aspekten stehen utilitaristische Argumente einiger Eltern aber auch Lehrerinnen und Lehrer entgegen. Die beiden häufigsten Argumente sind: Wenn mein Kind kein Friesisch hat, hat es mehr Kapazität um besser Deutsch oder auch Englisch zu lernen. In einer globalisierten Welt wird es in naher Zukunft nur noch wenige Weltsprachen geben. Die "kleinen" Sprachen werden verschwinden. Beide Argumente beruhen auf Missverständnisse. a) Friesische ist keine zusätzliche Fremdsprache, sondern eine Sprache der Region. Daneben haben Linguisten und Entwicklungsphysiologen nachgewiesen, dass die Speicherkapazität des kindlichen Gehirns durch zusätzliche Reize nicht verkleinert, sondern vergrößert wird. Der Kopf eines Kindes ist kein Gefäß, in das höchsten zwei Sprachen hineinpassen. Vielmehr arbeitet das Gehirn im sprachlichen Bereich wie ein Netzwerk, in dem durch zusätzliche Verknüpfungen zusätzliche Kapazitäten geschaffen werden. b) Zwar nimmt die Kenntnis der Weltsprachen immer mehr zu, aber die nationalen und regionalen Sprachen bleiben daneben erhalten. Sie erleben sogar eine Renaissance. Damit führt gerade die Verbreitung der Weltsprachen zu einer Zunahme der Mehrsprachigkeit. Die Allgemein-pädagogische Ebene: (institutionelle Faktoren) Heute nehmen an 25 Schulen ca 1200 Kinder am Friesischunterricht teil. Der Unterricht ist freiwillig und wird meist im dritten und vierten Schuljahr der Grundschulen angeboten. An einigen Schulen, an denen Friesisch auch Bestandteil der Kindergartenarbeit ist, wird Friesisch vom ersten Schuljahr an unterrichtet. Die im Rahmen des Friesischunterrichtes erteilten Stunden, werden der jeweiligen Schule zusätzlich zugewiesen. Das Argument, die Kinder könnten doch statt Friesisch in einem anderen Fach mehr Stunden haben, ist also nicht zutreffend, da die Stunden an den Friesischunterricht gebunden sind. Fällt der Friesischunterricht weg, fallen auch die Stunden weg. Der meist 2stündige Unterricht findet überwiegend in den Randstunden statt, da er als freiwilliger Unterricht angeboten wird. An einigen Schulen, an dem ganze Klassen geschlossen am Unterricht teilnehmen, ist der Unterricht in den Stundenplan integriert. Im Friesischunterricht werden keine Arbeiten geschrieben und keine Zensuren gegeben. Damit bietet der Unterricht die Möglichkeit eine Atmosphäre zu schaffen, in der Schülerinnen und Schüler eine Sprache ohne Notendruck und handlungsorientiert erwerben, beziehungsweise vertiefen können. Ziel ist es die Sprache als Kommunikationsmittel zu vermitteln, wobei der affektive Bereich im Zentrum des Unterrichtes steht. Diese Form des Unterrichtes kann letztlich nur dann erfolgreich sein, wenn die Lehrerin/der Lehrer es versteht als Partner mit den Schülerinnen/Schülern zu arbeiten und so die Grundlage für eine intrinsische Motivation zu legen. Entscheidend ist also die positive Grundhaltung der Lehrerin/des Lehrers, ohne die ein freiwilliger Unterricht langfristig nicht durchzuhalten ist. Genauso entscheidend für eine möglichst zahlreiche Teilnahme und einen erfolgreichen Unterricht, ist die positive Grundhaltung der Schulleitung und des Kollegiums. Die fachliche Ebene Bei den fachdidaktischen Überlegungen zum Friesischunterricht müssen einerseits die Situation der friesischen Volksgruppe als authochtone Minderheit in Deutschland, und andererseits sprachplanerische, sprachwissenschaftliche, soziolinguistische und soziokulturelle Aspekte in die Überlegungen mit einbezogen werden. Friesisch wird in Nordfriesland von ca 10.000 Menschen gesprochen und von ca 20.000 Menschen verstanden. Die Vermittlung dieser Sprache im Kindergarten oder auch in der Grundschule geschieht daher nicht in einem isolierten Raum, sondern ist immer vor dem Hintergrund der Präsens der Sprache in der Umgebung in der sich der Kindergarten oder die Grundschule befindet, zu sehen. Kann man im Kindergarten im weitesten Sinne von einer Immersion sprechen, so ist dies in der Grundschule aufgrund des geringen Stundenumfangs und der deutschen Umgangssprache nicht möglich. Dennoch ist das Ziel des Unterrichtes ein anderes als das des herkömmlichen Fremdsprachenunterrichtes. Neben dem landeskundlichen Aspekt, die Kinder werden an die regionalen Besonderheiten, die ihnen im täglichen leben begegnen, herangeführt (z.B. Architektur, landschaftliche Besonderheiten, regionale Berufe, Sagen und Märchen) gibt es den kulturellen Schwerpunkt. Es gehört zum Friesischunterricht, dass die Kinder bei Vereinsfesten, Weihnachtsfeiern oder anderen Veranstaltungen ihren Beitrag in Form von Theaterstücken, Liedern oder andern Präsentationen in friesischer Sprache vorführen. Im Freisischunterricht wird die Sprache daher eher für einen bestimmten Zweck erworben, als das sie als System Sprache erlernt wird. Leider sind die Lehrkräfte in den fachdidaktischen Fragen - wie zum Beispiel im landeskundlich-kulturellen Bereich, oder bei Bereichen wie Elterngespräche über die Bedeutung von Mehrsprachigkeit, Aspekte der Zusammenarbeit mit den Vereinen oder auch der Bedeutung der Freizeitgestaltung im Kontext der friesischen Spracharbeit - auf sich allein gestellt, da eine Neubesetzung der Professur für Friesisch an der Universität Flensburg immer noch auf sich warten lässt, und die Professur für Friesisch an der CAU-Kiel sich auf den sprachwissenschaftlichen Bereich konzentriert. Für die didaktischen Fragen zum Spracherwerb sind Anleihen an der allgemeinen Sprachwissenschaft in vielen Bereichen sinnvoll. Die Unterrichtsebene Der Friesischunterricht hat die Aufgabe das sprachliche Können der mit Friesisch aufwachsenden Kinder zu entwickeln und zu fördern, sowie jene Schülerinnen und Schüler, die die Sprache neu erlernen, mit der friesischen Sprache bekannt und vertraut zu machen und kommunikative Fähigkeiten in der Sprache zu entwickeln. Die Begegnung mit der Sprache sollte dabei überwiegend in spielerischen Lern- und Arbeitsformen stattfinden und besonders das Sprechen und Hörverstehen fördern. Damit verfolgt der Friesischunterricht das Ziel, sprachliche Voraussetzungen für den Gebrauch der friesischen Sprache zu schaffen beziehungsweise zu vertiefen, indem die Verstehensfähigkeit entwickelt und die Bereitschaft zur Begegnung und Verständigung mit friesisch sprachigen Menschen in der bilingualen Umwelt gefördert wird. Auf der Grundlage elementarer Sprach- und Sachkenntnisse erwerben die Schüler grundlegendes Können im mündlichen und schriftlichen Sprachgebrauch, im Umgang mit Texten und in der Reflexion über die friesische Sprache. Über die sprachliche Bewältigung ausgesuchter Alltagssituationen hinaus werden die Schüler und Schülerinnen mit Hilfe der Inhalte des Friesischunterrichtes angeregt, sich mit den Lebensgewohnheiten, der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft, der Geographie und der Kultur des Friesischen zu beschäftigen. Der Friesischunterricht muss dabei so gestaltet werden, dass individuelle Leistungsfähigkeit, das Lerntempo, die Belastbarkeit und die Interessen der einzelnen Schüler und Schülerinnen angemessen berücksichtigt sind. Dies bedeutet, dass der Unterricht einerseits den Kindern gerecht wird, die die Sprache seit ihrem frühen Kindesalter (Familie, Kindergarten) kennen, andererseits aber auch jene fördert, die die friesische Sprache neu erlernen. Durch vielfältige Kommunikation in der Klasse und durch neue Erfahrungen wird ein sprachliches Milieu geschaffen, dass immer wieder aufs Neue Ausgangspunkt für die individuelle Erweiterung der sehr unterschiedlichen sprachlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten des Friesisch lernenden Kindes ist. Ausblick Nachfragen und Untersuchungen zum Friesischunterricht an den Grundschulen oder in den Kindergärten ergeben überwiegend positive Ergebnisse. Dieses Ergebnis entspricht neueren sprachwissenschaftlichen Untersuchungen, die die positiven Auswirkungen des frühen Kontaktes mit mehreren Sprachen belegen. Negative Einstellungen zum Friesischunterricht richten sich meist nicht gegen das Friesische an sich, sondern finden ihren Nährboden in der Vorstellung, dass bei Wegfall des Friesischunterrichtes mehr Zeit für zum Beispiel Deutsch, Mathematik oder Englisch vorhanden sei, beziehungsweise, dass man sich für das eine oder das andere entscheiden müsse, weil beides zusammen eine Überforderung des Kindes bedeute. Wie Oben bereits erwähnt, sind die Friesischstunden den Schulen zusätzlich zugewiesene Stunden, die bei Streichung des Friesischunterrichtes wegfallen, also nicht für andere Fächer zur Verfügung stehen. Die Vorstellung von einer Überbelastung, Verwechslung oder auch Interferenz beruht auf einem Vorurteil aus der Zeit der 20er und 30er Jahre. Damals glaubte man, dass Mehrsprachigkeit zu "Doppelzüngigkeit, moralischer Instabilität" und zu einem restringierten Code in allen Sprachen führen müsse. Diese Vorstellungen sind heute alle wissenschaftlich widerlegt. Für das Friesische konnte Jakob Tholund 1984 anhand einer Untersuchung am Gymnasium Föhr nachweisen, dass friesische Muttersprachler, die Deutsch im Kindergarten, der Schule oder auf der "Straße" gelernt hatten, zum Teil bessere, aber nie schlechtere, Ergebnisse in den Fächern Deutsch, Englisch und Französisch vorweisen konnten als einsprachig deutsch aufgewachsene Kinder. Ähnlich positive Ergebnisse wurden bereits in 70er Jahren bei einem Schulversuch in Hamburg mit Englisch in der Grundschule erzielt. Legt man die neueren Sprachwissenschaftlichen Erkenntnisse aus z.B. Kanada und Wales oder auch die Erfahrungen anderer Sprachminderheiten in Europa zu Grunde (z.B. Deutsche Minderheit in Dänemark, Dänische Minderheit in Schleswig-Holstein) so schließen sich der Friesischunterricht und der Unterricht einer weiteren "großen" Fremdssprache nicht aus. Im Gegenteil, sie ergänzen sich. Ja, der Fremdsprachenunterricht würde sogar vom Friesischunterricht profitieren. Kinder, die entweder bilingual Friesisch-Deutsch aufgewachsen sind, die im Kindergarten das Friesische erworben haben oder in der Grundschule bereits am Friesischunterricht teilgenommen haben, besitzen eine größere Sensibilität für andere Sprachen. Sie haben den anderen Kindern gegenüber einen Vorteil, weil sie einen schnelleren Zugang zur Begegnung mit der englischen Sprache finden werden. Vor diesem Hintergrund ist die Einführung von friesischen Immersionsprogrammen in den Kindergärten und die Einführung des Faches Friesisch als Pflichtfach in der Grundschule im friesischsprachigen Raum sinnvoll. Die Kinder könnten damit in der oben beschriebenen Art und Weise an eine Sprache ihrer direkten Umwelt herangeführt werden und diese erwerben, wenn sie nicht schon zweisprachig aufgewachsen sind. Sie hätten damit ideale Voraussetzungen für eine anschließende Begegnung mit der Weltsprache Englisch oder anderen Sprachen wie Dänisch oder Französisch. Damit wäre ein Modell geschaffen, in dem Regional und Weltsprache sich gegenseitig ergänzen. Die Vorteile des Friesischen als "erste Zweitsprache" gegnüber dem Englischen, liegt in dem Bezug der Sprache zur Lebenswelt der Kinder. Selbst wenn im Elternhaus kein Friesisch gesprochen wird, finden sich doch immer wieder Anknüpfungspunkte für die Kinder: z.B. bei den Großeltern, in der Nachbarschaft, im Verein oder im Freundeskreis. Damit ist eine emotionale und sprachliche Zuwendung gewährleistet, eine wichtige Voraussetzung für eine positive Einstellung zur Sprache. Der Erwerb der friesischen Sprache in diesem Milieu kommt dem natürlichen Zweit- oder Drittsprachenerwerb sehr nahe.
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