|
Edith
Mühlgaszner |
|
In den letzten Jahrzehnten ist in europäischen Ländern die Tendenz spürbar, den Beginn des Fremdsprachenunterrichts in den Bereich der Grundschule zu verlegen. Dazu gab und gibt es zahlreiche Kongresse, schriftliche Veröffentlichungen und praktische Versuche in den USA, in Großbritannien oder Kanada, die dokumentiert sind. In Europa wurden die ersten derartigen Versuche in Schweden und später in England, Deutschland, Frankreich und auch in Österreich durchgeführt. Bei all diesen Versuchen zu frühem Fremdsprachenlernen wurde die zweite Sprache als Fremdsprache verwendet. Der neueste Trend heute sind sogenannte «bilinguale Schulen», in denen die Methode des «learning across the curriculum», also die Benützung der jeweiligen Fremdsprache in verschiedenen Gegenständen, eingesetzt wird. Unter dem Begriff «bilingual» werden sowohl Sprachprogramme mit dem Ziel der Erhaltung von Minderheitensprachen subsumiert als auch Formen zweisprachigen Unterrichts für Vertreter der Mehrheitssprache mit dem Ziel, additiv Bilingualismus zu erreichen. Dabei bestehen verschiedene Auffassungen darüber, welche Sprache zuerst gefördert werden soll, welche Methoden effizient sind oder wie intensiv parallele Zweisprachigkeit oder sogar zweisprachige Alphabetisierung betrieben werden sollte. Über all diese Aspekte gibt es Ergebnisse von Untersuchungen an Modellen. Im Burgenland wird Zweisprachigkeit im Unterricht in den autochthonen Siedlungsgebieten der burgenländischen Kroaten und der Ungarn seit Jahrzehnten praktiziert. Im Laufe der Geschichte wechselte dabei der Status der einzelnen Sprachen, und es gab Engpässe bei der Ausbildung und den Sprachkenntnissen der LehrerInnen (Ungarisch als Staatssprache – Kroatisch, Deutsch als Minderheitensprache; Deutsch als Unterrichtssprache – Kroatisch, Ungarisch als Minderheitensprache). In der Lehrerausbildung wurde auf diese Gegebenheiten keine Rücksicht genommen. Es gab auch bis zum Jahre keine einzige wissenschaftliche Untersuchung darüber, ebenso fehlte jedwede fachliche Begleitung. Erst in den letzten 10 bis 15 Jahren gibt es Ansätze wissenschaftlicher Beobachtungen und Evaluierungen ( Börge Boeckmann «Die Schullaufbahn Zweisprachiger» , EU-Projekt zur Evaluation des zweisprachigen Schulwesens im Burgenland, , Eu-Projekt «Scharniergelenke» , EU-Projekte von Schulen mit Themenschwerpunkten und gleichzeitigem Vergleich von Systemen und Methoden, die im Burgenland Anwendung finden mit solchen aus anderen europäischen Ländern). II. Beschreibung der gegenwärtigen SituationDie Schule ist – wie auch viele andere Bereiche – durch vielfältige Faktoren der Gesamtgesellschaft geprägt. In der heutigen Zeit ist der Trend zur stärkeren Suche nach den eigenen Wurzeln, der Trend zur Frage nach der eigenen Identität und der individuellen Herkunft verstärkt vorhanden. Der zweite Trend äußerst sich in Friedensbemühungen, die längst nicht mehr nur als Aufgabe der Politik gesehen werden, sondern immer tiefer in der Bevölkerung bemerkbar sind. Zu diesen allgemein gesellschaftlichen Erscheinungen kommen als prägende Rahmenbedingungen bestehende Gesetze, Verordnungen, Erlässe und Lehrpläne. Alle diese bestimmenden Punkte bilden den breiten Rahmen, den die LehrerInnen mit teils umfangreichen autonomen Möglichkeiten ausfüllen müssen. Für die konkrete Situation heute stelle ich fest: Wir haben eine gesetzliche Regelung, die unseren Bedürfnissen als Volksgruppe sehr entgegen kommt und die uns auf allen Gebieten im schulischen Bereich große Möglichkeiten anbietet. Allerdings stellt sich für uns die anspruchsvolle Aufgabe, diese Möglichkeiten anzubieten und zu nutzen.
Kurzer
Situationsbericht:
1.
Zweisprachige Volksschulen – Tabelle (Kroatisch und Ungarisch) 3.
Bereich der
AHS und BMHS – siehe Tabelle 4.
Ausbildung
der Kindergärtnerinnen und LehrerInnen III. Methodik und Didaktik im Kroatischunterricht/UngarischunterrrichtDas frühe Sprachenlernen und die zweisprachige Alphabetisierung wurden auf burgenländischem Territorium schon immer selbstverständlich praktiziert. Allerdings muss beachtet werden, dass sich die Rahmenbedingungen gesetzlicher Art geändert haben. Aber auch die praktische Situation an den Schulen und in den Klassen spiegelt die gesellschaftliche Lage wieder. Daher müsste logischerweise auch die Methodik und Didaktik in der jeweiligen Region bzw. Gegebenheit angepasst werden. Dies ist natürlich leichter gesagt als getan. Denn es gibt keine Geschlossenheit, in der wir gleiche Bedingungen vorfinden.
Daraus resultiert, dass es kein Rezept einer Methodik und Didaktik geben kann, das überall Anwendung finden kann. Denn es ist Aufgabe der LehrerInnen, in Erfüllung der inneren Differenzierung den Bedürfnissen jedes Kindes individuell gerecht zu werden. Die Zusammensetzung einer Klasse kann zB so aussehen: - einsprachig in deutscher Sprache erzogene Kinder ohne irgendwelche Kroatischkenntnisse, - einsprachig kroatisch erzogene Kinder mit geringen Deutschkenntnissen, - Kinder mit einer anderen Muttersprache ohne Deutschkenntnisse, - einsprachig in deutscher Sprache erzogene Kinder mit passiven Kroatischkenntnissen, - Kinder mit guten Deutschkenntnissen und geringen aktiven Sprachkenntnissen, - zweisprachig erzogene Kinder mit hoher Sprachkompetenz in beiden Sprachen, - Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf - Integration, Hinzu kommt die jeweils verschiedene Sprachumgebung der Kinder zu Hause ( kroatisch, deutsch, gemischt, passiv, aktiv). Ganz gleich wie sich die Klasse zusammensetzt, LehrerInnen haben die Aufgabe; in allen Gegenständen in annähernd gleichem Ausmaß in beiden Sprachen zu unterrichten und die Kinder so weit zu führen, dass sie am Ende der 4. Schulstufe beide Sprachen in Wort und Schrift entsprechend den Lehrplanvorgaben beherrschen. Wenn man alle möglichen Varianten durch denkt, könnte man zum Schluss kommen, dass diese Aufgabe nicht zu bewältigen ist. Und es ist in der Tat ein mühevolles Unterfangen. Die LehrerInnen müssen in der Verschränkung die Methodik und Didaktik von Fremdsprachenlernen, vom zweisprachigen Lernen und vom Lernen einer Zweitsprache praktisch umsetzen. Dies ist einerseits eine große Herausforderung, aber auch eine fast nicht zu erfüllende Anforderung an die zweisprachigen LehrerInnen. IV. Aufgaben und Herausforderungen im Schulalltag Will man Herausforderungen annehmen und Aufgaben erfüllen, so muss man zunächst klare Ziele formulieren. Grundaufgabe des Sprachunterrichts in der Grundschule ist, einerseits die Motivation zur Beschäftigung mit einer anderen Sprache grundzulegen und zu vertiefen und andererseits die Kommunikationsfähigkeit in der Fremdsprache anzubahnen. Es geht dabei einerseits um «Initiation» und um «Sensibilisation». Der Sprachunterricht in der Grundschule soll den Grundstein legen, damit im Mittelstufenbereich der einstieg auf einer höheren Stufe beginnen kann. Es geht aber auch darum, im Rahmen der allgemeinen Bildungsziele das Bewusstsein um die Existenz anderer Sprachen und Kulturen zu fördern und im spielerischen Umgang mit der zweiten Sprache die kognitive Enwicklung des Kindes zu unterstützen. Wissend um diese Aufgabenstellung kann man davon andere Aufgaben und Herausforderungen ableiten. Die mir am Wichtigsten erscheinen, und zwar im Hinblick auf den zweisprachigen Unterricht – unabhängig vom Englischunterricht als Fremdsprache - möchte ich darlegen:
Diesbezüglich enthält der Lehrplan der Volksschulen (Volksschulklassen) mit kroatischer oder mit kroatischer und deutscher (ungarischer oder ungarischer und deutscher) Unterrichtssprache konkrete Angaben und Aufträge. «Für den Sachunterricht, Deutsch, Lesen, Mathematik, Musikerziehung, Bildnerische Erziehung, Schreiben, Werkerziehung und Leibesübungen gelten die Bestimmungen des jeweiligen Lehrplanes des Volksschule, siebenter Teil, mit der Maßgabe, dass der Unterricht (ausgenommen in Deutsch, Lesen und Schreiben) den Vorkenntnissen der Kinder entsprechend nach Möglichkeit in annährend gleichem Ausmaß in kroatischer und deutscher Sprache zu erteilen ist» (LP in der geltenden Fassung, letzte Novellierung im Jahre 2000). Weiters enthält der selbe Lehrplan den Zusatzteil «Elementarer Spracherwerb», in dem die Ziele vorgegeben sind für Kinder, die ohne Sprachkompetenz in Kroatisch oder Ungarisch in die Schule eintreten. Die größte Aufgabe ist also wohl das Streben nach dem Erreichen der hier formulierten Ziele. Dieser Absicht sind die Arbeitsweise und der Unterricht unter zu ordnen, bzw. sind ausgerichtet auf diese Ziele die Arbeitsweisen, die Sozialformen, die Methodik und Didaktik zu entsickeln und einzusetzen.
LehrerInnen haben die Auflage, den Entwicklungsstand der Kinder auch im sprachlichen Bereich zu berücksichtigen. Es soll der Unterricht an die mitgebrachten Eingangsvoraussetzungen des Kindes anknüpfen. Nimmt man diesen Auftrag ernst, so ist innere Differenzierung in jedem Fall als der wichtigste didaktische Ansatz zu sehen. Um diese Aufgabe erfüllen zu können, ist der Einsatz verschiedenster Lernformen vor dem Hintergrund eines breiten methodischen Wissens unterschiedlicher Richtungen die erste Verpflichtung. Maßnahmen der inneren Differenzierung möglichst den individuellen Bedürfnissen entsprechend zu setzen erscheint mir unter den heutigen Rahmenbedingungen als die dringendste Herausforderung. In diesem Zusammenhang muss auch auf die Schwierigkeit und die Problematik von Sprachstandsmessungen hingewiesen werden. Es haben LehrerInnen eigentlich kein Instrument zur Verfügung, um diese Anfangsdiagnose fundiert stellen zu können.
Betrachtet man die Bedingungn für den Unterricht in den Volksgruppensprachen, so wurde im Burgenland in der Vergangenheit dieser eher nicht behindert als gefördert. Dies soll nicht als Schuldzuweisung an irgend jemand oder an irgend eine Institution verstanden werden. Vielmehr war der Stellenwert und die Funktionalität der kroatischen und ungarischen Sprache in der Gesellschaft nicht von besonderem Wert. Auch dieses Phänomen ist in Änderung begriffen. Es geht nicht mehr nur um den Erwerb von Sprachkenntnissen. Es geht vielmehr um die sprachliche Bewältigung von sozialen Situationen (um Argumentieren, Kritisieren, Vorschlagen,...).Sprache muss immer mehr als Kulturgut verstanden werden und erlebbar werden. Dies soll aber nicht nur im literarischen Bereich geschehen. Gerade wir im Burgenland haben die Chance, den Kindern diese Erlebbarkeit der zweiten-fremden Sprache vor der Haustüre anbieten zu können. Ich sehe daher eine große Herausforderung in der Beantwortung dieser Frage: Wie und wo können wir für Kinder – später auch interessierte Erwachsene - , die eine der Volksgruppensprachen lernen wollen, Gelegenheiten und Kontakte schaffen und bieten, damit die kroatische oder ungarische Sprache für sie erlebbar werden. Darüber sollten wir uns sicher mehr Gedanken machen.
Die österreichischen Lehrpläne für die Volksgruppensprachen sind in mehrfacher Hinsicht von besonderer Bedeutung: - Sie haben Rahmencharakter. Lehrpläne normieren relativ wenig, sie ermöglichen sehr viel, setzen Erwartungen in die best mögliche Ausnutzung der Spielräume vor Ort. - Rahmenlehrpläne bedürfen einer Interpretation, die von der gesamten Schulgemeinschaft getragen wird. Lehrplaninterpretation, Gewichtung und Auswahl der Lerninhalte, Erfüllung der didaktischen Grundsätze erfordern intensive Auseinandersetzung mit der Materie und konsequente Umsetzung der gewissenhaften Planung. Diese Arbeit kann nur unter Einbindung aller Schulpartner erfolgreich sein. - Der Lehrplan gibt Prinzipien für qualitätsvollen Unterricht an. Grundsätze wie Gemeinschaftserziehung, Heimat- und Lebensnähe, Berücksichtigung örtlicher Besonderheiten in der Lehrsotffverteilung oder Rücksicht auf die Eigenart des Schülers ermöglichen die Berücksichtigung der Anliegen einzelner Volksgruppen.
Diesbezüglich muss die Aufgabe in mehrfacher Hinsicht erfüllt werden. Kinder haben einen Rechtsanspruch auf Integration. Dies gilt gleichermaßen für körperlich oder geistig Behinderte wie auch für die Integration von Kindern anderer Muttersprache in den Klassen- oder Schulverband und ind er Folge in die Gemeinschaft des Schul- oder Wohnortes und der Gesellschaft im Allgemeinen.
Diese ist eine grundlegende und tragende Säule des Gesamtsystems. Die Möglichkeit dafür ist an der Päd. Akademie in Eisenstadt gegeben. Die Studenten/Studentinnen bringen ebenso wir die Schulkinder verschiedene Eingangsvoraussetzungen mit (Matura in Kroatisch – einfache, schwache muttersprachliche Kennnisse). Überlegungen für zusätzlich anzubietende Qualifikationsangebote sind notwendig). V. Zusammenfassung Das Minderheitenschulwesen deckt bis heute nicht die gesamte Bandbreite des Unterrichtes in den Volksgruppensprachen ab. Es stehen uns noch viele Möglichkeiten offen, die wir noch ausbauen müssen. Die Gründe dafür, dass das Angebot in den Volksgruppensprachen noch nicht flächendeckend ausgebaut sind, sind vielfältig (Eröffnungszahlen, Information, Interesse von Schüelrn, Eltern und Lehrern, Bereitschaft für Lerneinsatz, Mangel an außerschulischen Umsetzungsmöglichkeiten und Anwendungsbereichen, Möglichkeiten der Erwachsenenbildung, Stellenwert der Volksgruppensprachen gegenüber Englisch oder Französisch).
Literatur: |