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Der aktuelle Diskurs
über Schule und Unterricht ist deshalb über weite Strecken missverständlich,
unklar oder verärgernd, weil er jede Menge Illusionen benützt.
Ausgangsbasis für dieses Referat sind meine Erfahrungen mit einer Wiener
Grundschule, die eine sehr hohe Zahl von Kindern aus MigrantInnenfamilien zu
ihren SchülerInnen zählt, und meine Versuche sicherzustellen, dass jedes
Kind der Schule bedingungslos respektiert und nach seinen individuellen
Lernvoraussetzungen gefördert wird.
Schule ist nicht gleich Schule
Eine der ganz großen Illusionen ist die Vorstellung von Schule, die wegen
der gleichartigen Organisationsstrukturen und der für alle verbindlichen
Lehrpläne nur gleich in ihrer Gestaltung und ihren Ergebnissen gedacht
werden kann.
Wir dürfen aber nicht vergessen, dass Schule zum guten Teil von den Kindern
durch ihre persönlichen Bedingungen und Hintergründe geprägt wird. Daraus
entstehen Vielfalt und Unverwechselbarkeit der einzelnen Schulen. Die
gemeinsamen, verbindlichen Ziele der Schulen bleiben davon eigentlich nicht
berührt.
Schule und Minderheitensprachen
Wenn
Minderheitensprachen nicht ausdrücklich in bestimmten schulischen Bereichen
thematisiert sind, kommen sie im Alltag der Schule schlicht nicht vor.
Meine Erfahrungen mit den zahlreichen Sprachen in meiner Schule sind
divergierend. Die meisten LehrerInnen und ich sind einsprachig. Die meisten
der mehrsprachigen Kinder akzeptieren daher Deutsch als die zentrale
Kommunikationssprache in der Schule. Vielen Eltern erscheint Deutsch als die
zentrale und einzige Sprache für den sozialen Erfolg ihrer Kinder im Leben
und die schulische Pflege der Muttersprache als verzichtbar.
Schule und Zweisprachigkeit
In der Welt ist
die Mehrsprachigkeit die Regel und die Einsprachigkeit die Ausnahme – in den
„besonders zivilisierten“ Regionen der Welt scheint dies aber umgekehrt zu
sein.
Neben Deutsch als – selbstverständlicher – zentraler Unterrichtssprache
bietet die Schule im Wesentlichen eine Reihe Fremdsprachen an und – solange
es Ressourcen gibt – Muttersprachlichen Unterricht als Unverbindliche Übung.
Zweisprachigkeit ist – mit Ausnahmen freilich – kein schulisches Konzept
sondern die Besonderheit einiger SchülerInnen.
Schule und Reformpädagogik
Die
reformpädagogischen Konzepte sind zum Großteil in den Zwanziger- und
Dreißiger-Jahren des vorigen Jahrhunderts entwickelt und für geraume Zeit
wieder vergessen worden.
Ihre Renaissance steht wohl im Zusammenhang mit dem Erkennen vieler
LehrerInnen, dass einer „Pädagogik vom Kinde aus“ und einer optimalen
Förderung der Vorzug zu geben ist gegenüber der permanenten Einteilung der
Kinder nach Kriterien einer – fragwürdigen – Leistungsnorm.
Lehrpläne und Minderheitensprachen
Der Umstand,
dass Kinder andere Muttersprachen als Deutsch sprechen, kommt in
österreichischen Lehrplänen – abgesehen von den Regelungen des
Minderheitenschulwesens – nur im Unterrichtsprinzip „Interkulturelles
Lernen“ und im Lehrplan-Zusatz „Deutsch für Schüler nichtdeutscher
Muttersprache“ zum Vorschein.
An sich müsste das ausreichen einen Unterricht zu gestalten, der jede
Sprache in der Klasse einbezieht und aufgreift, auch wenn die LehrerInnen
nicht jede einzelne dieser Sprachen beherrschen. Nichts spricht dagegen,
Minderheitensprachen im Unterricht zum Tragen kommen zu lassen, besonders
wenn es MuttersprachenlehrerInnen an der Schule gibt. Stellvertretend zu
erwähnen ist hier die muttersprachliche Alphabetisierung.
Lehrpläne und Zweisprachigkeit
Zweisprachigkeit kommt in den Lehrplänen und im weitesten schulischen Alltag
so gut wie nicht vor. Offensichtlich ist Zweisprachigkeit Privatsache.
In einer Unterrichtsgestaltung, die von den besonderen Voraussetzungen der
einzelnen Kinder ausgeht, ist Mehrsprachigkeit wahrscheinlich präsent, und
im Sinne der unbedingten Wertschätzung jeder dieser Sprachen wird die
Kompetenz einer Zweisprachigkeit ein zentrales Ziel sein.
Lehrpläne und Reformpädagogik
Lehrpläne
können unterschiedlich gelesen werden. Für die einen wird das Erreichen
gemeinsamer Ziele im Vordergrund stehen und für den anderen die genaue
Planung der unterschiedlichen Wege zu diesen Zielen.
Reformpädagogische Ansätze stellen nicht prinzipiell einen Widerspruch zu
den österreichischen Lehrplänen dar. Puristische Haltungen von
Reformpädagogen oder überzogene Erwartungen von Eltern hinsichtlich
alternativer Schulangebote können schon zu Konflikten führen.
Reformpädagogik und Minderheitensprachen
Keiner der
reformpädagogischen Ansätze betrachtet meines Wissens nach Mehrsprachigkeit
in der Klasse als gesondertes Prinzip.
Die anderen Sprachen kommen jedoch über die Beachtung der besonderen
Ausgangslagen der Kinder und über die geförderte Neugierhaltung der Kinder
ins Spiel und werden so in der Klasse präsent.
Sprachen trennen nur so lange, als sie fremde Sprachen sind. Neugierde ist
ein probater Ansatz, sich das Fremde bekannt zu machen.
Lernen ist Überwindung der Mühsal. |