Werner Mayer
"Reformpädagogische Konzepte im zweisprachigen Unterricht"
"Novi pedagoski koncepti u dvojeziènom poduèavanju"


Der aktuelle Diskurs über Schule und Unterricht ist deshalb über weite Strecken missverständlich, unklar oder verärgernd, weil er jede Menge Illusionen benützt.

Ausgangsbasis für dieses Referat sind meine Erfahrungen mit einer Wiener Grundschule, die eine sehr hohe Zahl von Kindern aus MigrantInnenfamilien zu ihren SchülerInnen zählt, und meine Versuche sicherzustellen, dass jedes Kind der Schule bedingungslos respektiert und nach seinen individuellen Lernvoraussetzungen gefördert wird.

Schule ist nicht gleich Schule
Eine der ganz großen Illusionen ist die Vorstellung von Schule, die wegen der gleichartigen Organisationsstrukturen und der für alle verbindlichen Lehrpläne nur gleich in ihrer Gestaltung und ihren Ergebnissen gedacht werden kann.

Wir dürfen aber nicht vergessen, dass Schule zum guten Teil von den Kindern durch ihre persönlichen Bedingungen und Hintergründe geprägt wird. Daraus entstehen Vielfalt und Unverwechselbarkeit der einzelnen Schulen. Die gemeinsamen, verbindlichen Ziele der Schulen bleiben davon eigentlich nicht berührt.

Schule und Minderheitensprachen
Wenn Minderheitensprachen nicht ausdrücklich in bestimmten schulischen Bereichen thematisiert sind, kommen sie im Alltag der Schule schlicht nicht vor.
Meine Erfahrungen mit den zahlreichen Sprachen in meiner Schule sind divergierend. Die meisten LehrerInnen und ich sind einsprachig. Die meisten der mehrsprachigen Kinder akzeptieren daher Deutsch als die zentrale Kommunikationssprache in der Schule. Vielen Eltern erscheint Deutsch als die zentrale und einzige Sprache für den sozialen Erfolg ihrer Kinder im Leben und die schulische Pflege der Muttersprache als verzichtbar.

Schule und Zweisprachigkeit
In der Welt ist die Mehrsprachigkeit die Regel und die Einsprachigkeit die Ausnahme – in den „besonders zivilisierten“ Regionen der Welt scheint dies aber umgekehrt zu sein.
Neben Deutsch als – selbstverständlicher – zentraler Unterrichtssprache bietet die Schule im Wesentlichen eine Reihe Fremdsprachen an und – solange es Ressourcen gibt – Muttersprachlichen Unterricht als Unverbindliche Übung. Zweisprachigkeit ist – mit Ausnahmen freilich – kein schulisches Konzept sondern die Besonderheit einiger SchülerInnen.

Schule und Reformpädagogik
Die reformpädagogischen Konzepte sind zum Großteil in den Zwanziger- und Dreißiger-Jahren des vorigen Jahrhunderts entwickelt und für geraume Zeit wieder vergessen worden.
Ihre Renaissance steht wohl im Zusammenhang mit dem Erkennen vieler LehrerInnen, dass einer „Pädagogik vom Kinde aus“ und einer optimalen Förderung der Vorzug zu geben ist gegenüber der permanenten Einteilung der Kinder nach Kriterien einer – fragwürdigen – Leistungsnorm.

Lehrpläne und Minderheitensprachen
Der Umstand, dass Kinder andere Muttersprachen als Deutsch sprechen, kommt in österreichischen Lehrplänen – abgesehen von den Regelungen des Minderheitenschulwesens – nur im Unterrichtsprinzip „Interkulturelles Lernen“ und im Lehrplan-Zusatz „Deutsch für Schüler nichtdeutscher Muttersprache“ zum Vorschein.
An sich müsste das ausreichen einen Unterricht zu gestalten, der jede Sprache in der Klasse einbezieht und aufgreift, auch wenn die LehrerInnen nicht jede einzelne dieser Sprachen beherrschen. Nichts spricht dagegen, Minderheitensprachen im Unterricht zum Tragen kommen zu lassen, besonders wenn es MuttersprachenlehrerInnen an der Schule gibt. Stellvertretend zu erwähnen ist hier die muttersprachliche Alphabetisierung.

Lehrpläne und Zweisprachigkeit
Zweisprachigkeit kommt in den Lehrplänen und im weitesten schulischen Alltag so gut wie nicht vor. Offensichtlich ist Zweisprachigkeit Privatsache.
In einer Unterrichtsgestaltung, die von den besonderen Voraussetzungen der einzelnen Kinder ausgeht, ist Mehrsprachigkeit wahrscheinlich präsent, und im Sinne der unbedingten Wertschätzung jeder dieser Sprachen wird die Kompetenz einer Zweisprachigkeit ein zentrales Ziel sein.

Lehrpläne und Reformpädagogik
Lehrpläne können unterschiedlich gelesen werden. Für die einen wird das Erreichen gemeinsamer Ziele im Vordergrund stehen und für den anderen die genaue Planung der unterschiedlichen Wege zu diesen Zielen.
Reformpädagogische Ansätze stellen nicht prinzipiell einen Widerspruch zu den österreichischen Lehrplänen dar. Puristische Haltungen von Reformpädagogen oder überzogene Erwartungen von Eltern hinsichtlich alternativer Schulangebote können schon zu Konflikten führen.

Reformpädagogik und Minderheitensprachen
Keiner der reformpädagogischen Ansätze betrachtet meines Wissens nach Mehrsprachigkeit in der Klasse als gesondertes Prinzip.
Die anderen Sprachen kommen jedoch über die Beachtung der besonderen Ausgangslagen der Kinder und über die geförderte Neugierhaltung der Kinder ins Spiel und werden so in der Klasse präsent.
Sprachen trennen nur so lange, als sie fremde Sprachen sind. Neugierde ist ein probater Ansatz, sich das Fremde bekannt zu machen.

Lernen ist Überwindung der Mühsal.